Die Ostererzählung

„Die Ostererzählung“ – wie alles begann

„Die Ostererzählung“ – als großformatiges Kinderbuch im Jahr 2007 erschienen und in mittlerweile 10 Auflagen vom Gabriel-Verlag gedruckt – war mein erstes Bilderbuch und zugleich für diese Gattung ein Buch mit ungewöhnlich vielen Worten. Denn mir war zum einen die Bibelnähe sowie die Einbettung der Geschichte von Tod und Auferstehung in die gesamte Passionsgeschichte wichtig, zum anderen das Ernstnehmen all der schwierigen Fragen von Kindern rund um diese zentrale Geschichte des christlichen Glaubens. Ich freue mich sehr, dass mit den nun bei Don Bosco erschienenen Bildern für das „Erzähltheater“ ein weiterer Zugang zur Ostererzählung vorliegt, der neue Möglichkeiten eröffnet!

Ein Gedankenexperiment zur Entstehung der Ostererzählung

Stellen Sie sich vor, sie ständen vor der Aufgabe, Kindern von der Leidensgeschichte Jesu, von der Krise seiner Anhänger sowie vom ersten Glauben an seine Auferstehung zu erzählen! – Sicher gehen Ihnen ähnliche Fragen wie mir durch den Kopf, die es zu bedenken und zu entscheiden gibt:

  • Wie kann ich Kindern von diesem dramatischen Ereignis erzählen? Wie vermeide ich sowohl eine Brutalisierung als auch eine Verharmlosung des Geschehens? Was erzähle ich und was lasse ich weg?
  • Nehme ich Ausschnitte aus allen Evangelien oder beschränke ich mich auf einen Evangelisten? Womit fange ich eigentlich an? Man kann doch nicht mit dem Tod Jesu beginnen! Was erzähle ich vom Leben Jesu?
  • Wie vermittle ich die Theologie in den biblischen Texten? Wie bringe ich die Geschichtlichkeit des Ereignisses mit dem Glaubensgehalt in dem Erzählten zusammen?
  • Wie gehe ich mit den problematischen Antijudaismen – der tendenziell und oft pauschal negativen Darstellung der Juden (besonders der Pharisäer) – und mit der Verharmlosung des für den Tod Jesu verantwortlichen Pontius Pilatus um?
  • Wie nehme ich Hörer bzw. Leser und all seine Fragen mit hinein in die Geschichte? Wie kann ich so erzählen, dass Kinder an und mit der Geschichte ihre Fragen stellen, symbolisch-metaphorische Sprache lernen und im Glauben wachsen können?

Ich wollte also dem Wortlaut des Evangeliums verpflichtet und dennoch für Kinder ab 5 bis 6 Jahren aufwärts einfach und verständlich die zentrale Geschichte der christlichen Botschaft erzählen, ohne sie zu verfälschen, zu verniedlichen und zu klein zu handeln. Denn ich bin überzeugt: Schon Kinder sollten und wollen und können die Größe und Bedeutung des hier Erzählten erspüren, erahnen und erkennen.

Ein anspruchsvoller Zugang zum Geheimnis des christlichen Glaubens

Es brauchte tatsächlich ungefähr neun Monate, bis ein Text zur Welt kam, so kurz und doch so oft bearbeitet wie kein anderer von mir zuvor. Ein intensives Ringen um die angemessenen Worte führte zu einem bibelnahen, strukturierten und komponierten „Text-Gewebe“. Immer ging es um biblische und theologische Stimmigkeit in verdichteten Sprachangeboten für kleine Kinder, die ihre Erfahrens- und Verstehensmöglichkeiten berücksichtigen und über den Tag hinaus gültig bleiben können.

Der Bibeltext ist eingebettet in ein Gespräch zwischen Kind und Mutter (auf der Textseite kursiv gedruckt), das mir viele Frage- und Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Das Kind verlangt nach der Erzählung von Jesu Tod und die Mutter erzählt die „schwere“ Geschichte ganz am Markusevangelium orientiert. Der Auftakt zur Passionsgeschichte ist wie bei Markus die Erzählung vom blinden Bartimäus, der in der Begegnung mit Jesus sehen lernt und (auf den Bilder sichtbar) mit Jesus mitgeht. Der Text betont Tag für Tag die „Heilige Woche“, die mit dem 8. Tag, dem Ostertag der Auferstehung und der neuen Schöpfung endet. So kann ich – deutlicher als bei Markus erkennbar – die Bezüge zu unseren Festen und ihrer Bedeutung als Erinnerungsgeschehen herausstellen. Erinnerung ist auch Thema der Salbung Jesu durch die Frau. Wichtig war mir auch das bei Markus (anders als bei Matthäus und Lukas) gelungene Gespräch Jesu mit den Schriftgelehrten. Wie das ursprüngliche Markus-Evangelium endet meine Ostererzählung mit den sprachlosen Frauen am Grab. Der Hörer und Leser der Geschichte steht selbst vor die Frage: Glaubst du, was hier erzählt wird? Darüber sprechen am Ende auch Mutter und Kind.

Die Bilder

Renate Seelig hat im zweiten Schritt zu den jeweiligen Textseiten einfühlsame und intensive Bilder geschaffen. Sie findet eigene Bildlösungen jenseits historisch „korrekter“ Abbildungen, die den Bibeltext ernst nehmen und Kinder in das Erzählte hineinnehmen. Ihr „filmisches“ Erzählen, oft mit verschiedenen Szenen auf einer Seite, ihr Umgang mit Farben, ihr Gefühl für Landschaften und ihre Gestaltung der Personen durch die Bildmotive hindurch faszinieren mich. In diesen Bildern gibt es viel zu entdecken! Einzelne dargestellte Situationen berühren mich sehr: Bartimäus am Wegesrand, der Einzug in Jerusalem, die Salbung durch die Frau, Jesu Gespräch mit den Schriftgelehrten, das Ringen Jesu im Garten Getsemani, das Abendmahl und die Frauen am Grab.

 

Die "Ostererzählung" im Kamishibai

Die Präsentation der Ostererzählung im Erzähltheater eröffnet im Verbund mit den großformatigen Bildszenen ein konzentriertes Erzählen und Zuhören, Betrachten und Verweilen. Mir persönlich ist der bibelnahe Wortlaut sehr wichtig. Das freie Erzählen mit eigenen Zusätzen ist sicher auch eine Möglichkeit der Vertiefung des biblischen Gehaltes, sollte aber immer der Bibel verpflichtet sein und nicht zu stark psychologisierend in die Gefühle der Personen hineingehen. Besser erscheint mir die Frage nach unseren Gefühlen und Glaubensfragen, nach unseren Einschätzungen des Erzählten zu sein.

Auch ist je nach Zeit und Situation zu entscheiden, ob die Geschichte in mehreren Schritten bzw. Tagen mit vertiefendem Nachfragen und Bedenken und kreativem Arbeiten präsentiert wird oder in einem Erzählzusammenhang mit anschließendem Nachbetrachten und weiteren intensiveren Zugängen. Beide Wege haben sich bei mir und vielen anderen mit guten Rückmeldungen bewährt.

Für ein intensiveres Hineingehen in einzelne Motive und Szenen, für die kreative Vertiefung und Nacharbeit habe ich eine Reihe von Arbeitsblättern entwickelt, die auf meiner Homepage in der Rubrik „Material“ als Download kostenfrei angeboten werden: http://www.rainer-oberthuer.de/material/

 
 

Die Bildmotive für das Erzähltheater im Einzelnen – Erklärungshilfen

Das Bildkarten-Set für das Erzähltheater, verzichtet sinnvollerweise auf die kleinen Vignetten, die im Bilderbuch das Gespräch zwischen Mutter und Kind begleiten, und konzentriert sich auf die biblische Geschichte selbst. Dabei werden einige Szenen besonders groß und eindrucksvoll herausgehoben:

  • Bildkarte 1 … zeigt die Jünger auf dem Weg, die Jesu Ankündigung nicht verstehen (im Markus-Evangelium das sogenannte Messias-Geheimnis, dass niemand wirklich begreift, wer Jesus ist) und gegenüber der blinde Bartimäus, der arme Kranke, der tatsächlich versteht und Jesus nachfolgt.
  • Bildkarte 2 … führt den Einzug in Jerusalem eindrucksvoll vor Augen und eröffnet unsere jährliche Erinnerung am Palmsonntag.
  • Bildkarte 3 … fokussiert den Ausschnitt auf die Vertreibung der Käufer und Verkäufer und zeigt Jesu deutliche Position, wenn es um den Missbrauch Gottes (für Geld) geht.
  • Bildkarte 4 … zeigt im Kontrast zum vorherigen Bild ein intensives, gelungenes Gespräch zwischen Jesus und den Schriftgelehrten über den notwendigen und gebotenen Zusammenhang zwischen Gottesliebe, Selbst- und Nächstenliebe, bei dem allerdings einer sich entfernt.
  • Bildkarte 5 … Diese beeindruckende Szene mit der großzügigen, Jesus salbenden Frau bringt das ganze Konzept meiner Ostererzählung auf den Punkt. Denn hier sagt Jesus: Wann immer von mir erzählt wird, wird man sich an diese Frau erinnern. Das erzählt in meinem Bilderbuch eine Mutter ihrem Kind. Und das erzählen wir heute unseren Kindern mit Hilfe der Bilder für das Erzähltheater. Es ist also ein dreifaches Erzähl- und Erinnerungsgeschehen.
  • Bildkarte 6 … Die Situation des Verrats durch Judas ist in Worten dem Evangelium entsprechend nur karg beschrieben und zeigt, dass Jesu Botschaft, sein Einsatz für die Armen, Kranken und Geringsten bei vielen Mächtigen, Großen und Etablierten anstößig war.
  • Bildkarte 7 … Die Abendmahl-Szene, die ja in Korrespondenz zu unserem Gründonnerstag steht, ist besonders eindrücklich umgesetzt und bedarf einer besonderen Beachtung und Betrachtung. Renate Seelig gestaltet dieses Motiv nah an meinem Text, in dem Jesu „Einsetzungsworte“ ja unter anderen lauten: „Das bin ich selbst. Ich bin das Brot, das Leben schenkt.“ Die Illustration zeigt die unterschiedlichen Reaktionen der Jünger, ihr „heiliges“ Staunen und Erschrecken (fascinosum et tremendum) als Moment jeder religiösen Erfahrung. Im Spiel des Lichtes, das von Jesus unsichtbar ausstrahlt, dessen Helligkeit aber auf den Gesichter ringsum zu sehen ist, und besonders natürlich in der Geste Jesu, in der er einladend und dynamisch auf sich verweist, kann jeder Betrachter intuitiv erfassen, dass hier etwas Besonderes, „Heiliges“ geschieht, was die Menschen auf ihre Weise ganz unterschiedlich berührt und „verwandelt“.
  • Bildkarte 8 … Die Darstellung Jesu im Garten Getsemani zeigt dramatisch die ganze Zerrissenheit zwischen fragender Auflehnung (geballte Faust) und ergebenem Vertrauen (offene Hand), im Kontrast dazu die schlafender Jünger.
  • Bildkarte 9 … Die Doppelszene der Gefangennahme Jesu und der Verleugnung durch Petrus ist wie das vorhergehende Bild in die Dunkelheit der Nacht getaucht.
  • Bildkarte 10 … Während der Text die Verantwortung von Pilatus und den Römern für die Kreuzigung betont, zeigt die Illustration Jesus am Kreuz eher im Hintergrund des Bildes, weder verharmlosend noch blutrünstig. Die Szenerie der Landschaft zeigt die Dramatik und Tragik des Geschehens – in unserer Passionswoche sind wir beim Karfreitag angekommen.
  • Bildkarte 11 … zeigt eine Landschaft mit drei Szenen, von links nach rechts zu lesen, getrennt und doch miteinander verbunden: die drei trauernden Frauen, das Verschließen des Grabes mit dem Stein und die andauernde Trauer der Frau, die für die Zeit des Sabbats (unser Karsamstag), dem Tag der Ruhe steht.
  • Bildkarte 12 … ist bewusst und in Entsprechung zur Bibel keine Darstellung des Vorgangs der Auferstehung und des Auferstandenen, denn das kann kein Bild zeigen – wohl aber das Licht aus dem Grab als Symbol der Hoffnung und sichtbarer Ausdruck, dass die Geschichte von Jesus nicht zu Ende ist.
  • Bildkarte 13 … Dafür dass es weitergeht, stehen auch die Menschen auf dem Weg: "Jesus geht euch voraus auf dem Weg nach Galiläa" – das Bild steht in enger Beziehung zum Titelbild des Kartensets, das sozusagen als Bildkarte 14 diese Menschen auf dem Weg voll Hoffnung und Freude von vorn zeigt, mit den drei Kreuzen klein im Hintergrund.

Der Durchgang durch die Bildmotive mag veranschaulichen, dass die Kombination der Erzählung und der Illustrationen, das Zusammenführen der Worte und Bilder diese großartige Geschichte des Glaubens intensiv und nachhaltig zur Wirkung bringen kann.

Viel Freude beim Lesen und Hören, Sehen und Bedenken mit den Kindern wünscht

Rainer Oberthür

  • Produkt

    Die Ostererzählung. Kamishibai Bildkartenset.

    Rainer Oberthür und Renate Seelig erzählen die biblische Geschichte als Ursprung unseres Osterfests, von Jesu Einzug in Jerusalem an Palmsonntag bis zum Ostermorgen.

    14,95 €