Erzähltipp Weltreligionen: Wem gehört der Schnee?

Kindern von Judentum, Christentum und Islam erzählen und die interkulturelle Bildung stärken

Schnee in Jerusalem?!

Das habe ich in Jerusalem noch nicht erlebt, in der Stadt, die ich schon so oft und zu allen Jahreszeiten besucht habe, weil ich von ihrer Schönheit und ihrer Widersprüchlichkeit einfach nicht lassen kann: Schnee, leise rieselnder Schnee, der sich wenigstens für einige Stunden sanft auf dem Tempelberg niederlässt: von Juden "Har HaBait" genannt, "Berg des Hauses (Gottes)", und von Muslimen "al-haram Asch-scharif" genannt, "das edle Heiligtum". Der Schnee kleidet den eigentlich sehr unscheinbaren Berg mit großen flauschigen Flocken in unschuldiges Weiß und gleicht alle menschengemachten Unterschiede damit lautlos aus, als hätte ein Verpackungskünstler den religiös so bedeutenden wie politisch so aufgeladenen Ort mit hellen Tüchern verhüllt.
Nein, Schnee habe ich in Jerusalem noch nicht erlebt, aber ich habe von ihm erfahren. Beispielsweise am 20. Februar 2015, als meine Freundin Greta Klingsberg mich anrief und mir auf ihre fröhliche, aber auch immer etwas getrieben wirkende Art fast atemlos berichtete, dass es bei ihr im kleinen Garten vor dem Häuschen im Bauhaus-Stil so aussähe wie in ihrer Kindheit im Wien der 1930er Jahre: „Alexander, alles weiß! Alles weiß!“
In diesem Moment schien es, als wäre Greta wieder das kleine Volksschulmädchen in ihrer früheren Heimat Österreich und plante eine Schneeballschlacht mit ihren Freundinnen im zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Mazzesinsel, wie die Leopoldstadt genannt im Volksmund genannt wurde, weil der Großteil der Wiener Juden dort lebten.

Die Ausnahmesituation verbindet die Kinder

Dann aber huschte Greta in die Gegenwart zurück, wurde wieder 85 Jahre alt und äußerte zunehmend fröstelnd, dass dieses rund zwanzig Zentimeter hohe Kinderglück für die Infrastruktur Jerusalems eigentlich eine Katarophe bedeuten würde. Allein schon der öffentliche Nahverkehr wäre darauf in keiner Weise eingestellt. Sie beschloss das Telefonat mit dem Entschluss, an diesem Tag auf gar keinen Fall ihr Haus zu verlassen: Denn es wäre draußen ja so klirrend kalt und so ungemütlich wie sonst nur in Europa, dem Kontinent, den sie 1946 mit einem Transport jüdischer Kinder und Jugendlicher verlassen hatte, die die Konzentrationslager wie durch ein Wunder überlebt hatten.
Schnee also gibt es in Jerusalem und längst stehen dort gegen dessen Widrigkeiten Schneepflüge und Streufahrzeuge bereit, doch nur alle paar Jahre überfällt der eisige Wintersturm die goldene Stadt und auch dann lediglich für eine sehr kurze Zeit. Die Schülerinnen und Schüler jeglicher Couleur werden das wohl ehrlich bedauern, denn schließlich kommen sie in Israel bei Winterwetter mindestens in den Genuss einer Unterrichtsverkürzung.
Zuletzt ereignete sich dies im Februar 2021 und die Medien nicht nur in Israel zeigten Kinder, die vor dem Felsendom einen kleinen Schneemann bauten, verschleierte fröhliche Frauen mit Schneebällen oder den damaligen israelischen Präsidenten Reuven Rivlin, wie er von einem Balkon aus lächelnd das zarte, glitzernde Weiß betrachtete.

Eine kindgerechte Variante von Lessings Ringparabel

Eine solche Jerusalemer Winterwunderwelt scheint die Kinderbuchautorin Antonie Schneider zu einer besonders kindgerechten Variante der berühmten Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing inspiriert zu haben. Dieses Gleichnis steht im Zentrum des 1783 uraufgeführten Ideendramas „Nathan der Weise“: Ganz den Toleranzkonzepten der vernunftgeleiteten Aufklärung verpflichtet demonstriert die Ringparabel, dass alle drei Schriftreligionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, gleichberechtigt und ebenbürtig sind und jede Religion dann wahr sei, wenn sie Gutes in die Welt bringe.
Diese heilsame und friedensstiftende Erkenntnis unterstreicht Antonie Schneider in ihrer kleinen und feinen Geschichte „Wem gehört der Schnee“, die mit liebevoll kindlichen Illustrationen der aus Taiwan stammenden Künstlerin Pei-Yu Chang 2019 bei der Nord Süd Verlag AG erschienen ist und die nun als Fassung für das Erzähltheater Kamishibai vorliegt.

Samir, Mira und Rafi diskutieren: Welcher Gott macht den Schnee?

In ihrer Geschichte schickt Antonie Schneider drei Kinder – das Mädchen Mira und die Jungen Rafi und Samir – auf eine schmale verschneite Straße des Yerushalayim unserer Tage, die im Bild an eine verwinkelte Gasse der Altstadt erinnert. Dort ziehen die Kinder, die untereinander zwar kommunizieren, aber nicht unbedingt miteinander spielen, zunächst Grenzen: Sie häufen innerhalb ihrer Areale ihren Schnee auf, der dann sorgsam bewacht wird. In Streit geraten sie, als der Schnee zu schmelzen beginnt. Nun bricht um dessen verschwindende Reste ein erbitterter und eifersüchtiger Kampf mit Worten aus. Jedes Kind entpuppt sich in ihm als kompromissloser und geradezu fundamentalistischer Vertreter seiner Religionsgemeinschaft. Einig sind die drei allerdings in einem Grundsatz: Der Schnee solle dem Kind ganz gehören, dessen Gott ihn auch hat schneien lassen. Die Entscheidung erhoffen sich die Kinder von ihren religiösen Autoritäten. Samir eilt zum Imam, Mira zum Priester und Rafi zum Rabbi. Doch als jedes Kind seine Schneeprobe der Autorität zur Begutachtung vorzeigen möchte, hat sich dieser bereits verflüssigt, ist nichts anderes mehr als ein tropfendes Nass aus einer Hand, einer Mütze oder einem Rucksack.

Wem gehört der Schnee? – Am besten allen, bevor er schmilzt!

Bemerkenswert besonnen und beruhigend weise erkennen die Vertreter der Religionen unabhängig voneinander und doch in hintergründigem Gleichklang miteinander, dass der Schnee ein Geheimnis in sich trage wie auch die Gottheit selbst. Würde ein Mensch versuchen, dieses Geheimnis zu beweisen, würde er es nur verlieren.
So stehen am Ende die Christin Mira, der Jude Rafi und der Moslem Samir mit leeren Händen da, doch in ihre Trauer über das Verflossene mischt sich eine ernüchternde und gleichsam hoffnungsvolle Erkenntnis. Sie vermögen nämlich vor dem Gang zurück in die Häuser noch wirklich miteinander zu sprechen und einvernehmlich zu bilanzieren: Sie hätten ganz einfach und kinderleicht sich lieber am Schnee erfreuen und mit ihm spielen sollen. Doch er ist jetzt fort. „Und niemand weiß, wann er wiederkommt.“
So kommt offenbar nicht nur im Märchen, sondern ebenso in Jerusalem der Schnee wieder, auch wenn es Mira, Rafi und Samir zuletzt unwahrscheinlich erschien. Am Abend schneit es nochmals. Alle eilen nach draußen und staunen. Sie staunen und schauen nach oben. Jegliche Rivalität ist verschwunden, jegliches Streben nach Besitz, Vorherrschaft, Dominanz und jeglicher Glauben an die angebliche Übergröße des angeblich eigenen Gottes. Es bleibt nur das Staunen über das unverhoffte Geschenk und die Stille.

Die Botschaft wird deutlich

Auch wenn es nicht geschrieben steht: Alle tragen wohl wirklich einen göttlichen Funken in sich. Und sie brauchen es nicht einmal zu wissen. „Wem gehört der Schnee“ ist eine Geschichte für junge Menschen im Alter von 5 bis 120 Jahren. Sie darf philosophisch gedeutet oder einfach nur verstanden werden. Das gelingt Kindern oftmals unmittelbarer als Erwachsenen.

Praxis-Tipps: Angebot für Kindergarten und Grundschule

Geschichten wie „Wem gehört der Schnee?“ eignen sich gut für eine frühe Sensibilisierung, für eine Starthilfe, doch folgen sollte eine kindgerechte Beschäftigung mit anderen Religionen, zumindest mit denen, an die Kindergartenkinder und ihre Eltern in den jeweiligen Einrichtungen glauben.
Niemals ist es zielführend, nur die eigene Religion, die eigene Konfession darzustellen. Geradezu übergriffig ist es, wenn beispielsweise muslimische Kinder scheinbar selbstverständlich zu Kreuzzeichen und christlichen Gebeten angeleitet werden.

Kreativ: Kleeblätter gestalten

Das Unterschiedliche aber sollte stets vom Gemeinsamen gehalten werden und so darf das schöne Beispiel, das der irische Nationalheilige Patrick im frühen Mittelalter für die Darstellung der Dreieinigkeit fand, auf die drei Schriftreligionen übertragen werden. Kinder könnten Kleeblätter zeichnen und malen und die einzelnen Blätter der Pflanze zur symbolischen Darstellung von Judentum, Christentum und dem Islam nutzen, je nach Wissensstand, je nach Vermittlung. Selbst wenn die Einzelblätter nur mit Davidstern, Kreuz und Halbmond gefüllt würden, so bliebe immer noch Raum, um mit den fünf- oder sechsjährigen jungen Menschen über den gemeinsamen Stängel zu philosophieren, der die drei Blätter trägt.

Gemeinsam backen

Die Liebe soll bekanntlich auch durch den Magen gehen und das gegenseitige Verständnis vielleicht auch. Ein gemeinsames Essen kann Freundschaften stiften.

  • Das wussten wohl auch armenische Christen, die in der nordsyrischen Stadt Aleppo lebten. Sie erfanden das Gebäck Ma’rouk, eine Speise aus süßem Teig mit unterschiedlichen Füllungen und schenken es ihren muslimischen Freunden zum Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan. Hier findet sich ein Link zum Gebäck der christlich-muslimischen Freundschaft.
  • Noch schneller gebacken sind die Tahini-Plätzchen, die in Israel fast jeder Mensch mag, gleich welcher Religion. Und diese Gemeinsamkeit führt geradewegs zurück zur Botschaft der Geschichte „Wem gehört der Schnee?“. Wohlan! Hier ist ein Rezept dazu.

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Alexander Jansen ist Heilpädagoge sowie Musik- und Theatertherapeut. Er verfügt über langjährige Erfahrungen in heilpädagogischer und kreativtherapeutischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Kriegs- und Krisengebieten. Im Verlag Don Bosco Medien veröffentlichte er Bücher, die sich für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund einsetzen. Seine Kamishibai-Bildergeschichte „Das Mädchen mit der Perlenkette – Die Geschichte einer Flucht“ erhielt 2020 das KIMI-Kinderbuchsiegel für Vielfalt und Toleranz.
Sein neues Buch „Ich habe meinen Glauben mitgebracht“ (2021) enthält auch eine von ihm für das Theaterspiel an der Grundschule geschriebene szenische Version der Ringparabel.

 

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