Geschichten nach Rezept

Verstehend zuhören und Gespräche führen in der Grundschule mit dem Geschichtenbaukasten

Rezept für eine gute Geschichte

1. Man nehme:

  • Einen besonderen Ort
  • Einen Helden oder eine Heldin
  • Einen Herzenswunsch

2. Man füge hinzu:

  • Einen magischen Gegenstand
  • Ein fantasievolles Transportmittel
  • Einen Gegenspieler

3. Alles gut durchmischen, bis ein spannender Konflikt entsteht. Anschließend sorgfältig abwiegen und folgende Zutaten vorsichtig untermischen:

  • Kampf und Sieg des Helden
  • Eine kreative Konfliktlösung
  • Die Erfüllung des Herzenswunsches

4. Nach Belieben würzen und abschmecken mit:

  • Einer Prise Humor
  • Zahlreichen Details für alle Sinne
  • Spannung und Nervenkitzel je nach Geschmack

5. Zum Schluss mit einigen mitreißenden Emotionen aufkochen lassen. Etwas abkühlen lassen und Happy End noch warm genießen.

Geschichten entwickeln in der Grundschule

Seit vielen Jahren arbeite ich in meinen erzählpädagogischen Projekten mit dem Geschichtenbaukasten von Helga Gruschka. Wie im Rezept beschrieben macht er das Geschichten-Entwickeln kinderleicht. Wer sich an den roten Faden des Geschichtenbauplans hält, wird am Ende mit einer „funktionierenden“ Geschichte belohnt.
Dass er nun in neuer Aufmachung mit Bauplan, Karten und ausführlichem Begleitbuch erhältlich ist, bietet eine große Chance für alle, die sich bisher noch nicht so richtig ans Geschichtenerfinden herangetraut haben. Mit den Schritt-für-Schritt-Anleitungen führt die Geschichten-Baukasten-Autorin Helga Gruschka kleine und große Geschichtenerfinder sicher bis zum Happy End.

Die Geschichte im Kamishibai präsentieren und Kompetenzen trainieren

Nachdem eine neue Geschichte das Licht der Welt erblickt hat, muss noch lange nicht Schluss sein. Besonders viel Spaß macht es den Kindern, Bilder zu den einzelnen Stationen der Geschichte zu malen und sie dann mit dem Kamishibai selbst frei nachzuerzählen. Dabei werden viele Kompetenzen gefördert: verstehend zuhören, zu anderen sprechen, szenisch spielen.
Auch zur Leseförderung eignet sich eine selbst erfundene Geschichte ausgezeichnet, denn die Motivation, an einer selbsterfundenen Geschichte das Vorlesen zu üben, ist meist sehr groß. Je nach der Lesekompetenz der Kinder kann die Geschichte in sehr einfachen Sätzen oder etwas komplexer aufgeschrieben werden und jedes Kind bekommt einen eigenen Abschnitt, der geübt wird. Ein besonderer Höhepunkt im Schulalltag kann es sein, wenn die Geschichte dann in Form einer szenischen Lesung einer anderen Klasse vorgetragen wird. Auch ein Hörspiel oder ein Theaterstück kann aus der selbsterfundenen Geschichte entstehen.
Und wer sich die Mühe macht, die erfundenen Geschichten aufzuschreiben und sie, versehen mit den selbstgemalten Bildern der Kinder, für alle zum Mit-nach-Hause-Nehmen ausdruckt, wird mit strahlenden Gesichtern belohnt.

Die Arbeit mit den Karten – eine Fantasiebremse?

Schon einige Male habe ich es erlebt, dass Grundschullehrkräfte den Geschichtenbaukasten eher kritisch bewertet haben. Die Methode sei zu rigide und würde zu wenig Platz lassen für das freie Fabulieren und die Vorstellungskraft der Kinder.
Meine Erfahrung ist eine andere: Oft merke ich, dass Kinder im Grundschulalter erst einmal Schwierigkeiten haben, eigene Ideen zu formulieren. Sie sind stark beeinflusst durch Bilder aus ihrem digitalen Alltag, ihre Imaginationsfähigkeit ist wenig trainiert. Gerade für diese Kinder kann das Verwenden der Handlungskarten eine große Hilfestellung sein. Gerade am Anfang, wenn das Erfinden einer Geschichte noch Neuland ist, gibt das Ziehen einer Karte einen ersten Impuls, der es den Kindern leicht macht, in die Geschichte einzusteigen. Wenn wir schon wissen, dass unsere Geschichte z.B. in einem Inselschloss, im Dschungel oder im Schmetterlingstal beginnt, kann das die Fantasie der Kinder anregen und wir können uns gemeinsam ausmalen, wie es dort genau aussieht, wie es riecht, welche Geräusche zu hören sind.

Den roten Faden nicht verlieren

Natürlich steht es jedem Geschichtenerfinder auch frei, die Karten wegzulassen und die Geschichte ohne Vorgaben entstehen zu lassen. Gerade bei älteren Kindern ab der 3. Klasse habe ich damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Den roten Faden des Geschichtenbauplans habe ich dabei trotzdem als Struktur für unsere Geschichte immer im Hinterkopf, auch wenn ich den Plan nicht immer sichtbar für die Kinder auslege. Nicht umsonst ist die Heldenreise, an der sich der Bauplan orientiert, eine der erfolgreichsten Strukturen für Geschichten.
Genauso, wie Sie sich beim Kochen nicht ganz exakt an ein Rezept halten müssen, können Sie auch mit dem Bauplan kreativ und spielerisch umgehen. Sie können einen Punkt weglassen, der sich in Ihrer Geschichte erübrigt, oder eine Zusatzschleife in die Handlung einbauen. Nur komplett auf die Struktur verzichten sollten Sie nicht. Das Risiko, sich zu verzetteln, ist dabei zu groß. Und an einer Geschichte, die in sich nicht schlüssig ist, hat am Ende niemand Freude.

Moderation  mit Fingerspitzengefühl

Bei meinen Workshops zum Geschichtenerfinden taucht sehr häufig die Frage auf, wie  sehr die Moderatorin in die Geschichte der Kinder eingreifen soll und ob es sinnvoll ist, die Kinder beim Erfinden in eine bestimmte Richtung zu lenken.  Hier gilt meiner Erfahrung nach „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, am Anfang einige Regeln aufzustellen.
Mir ist es zum Beispiel wichtig, dass in unserer Geschichte der Konflikt kreativ, mit Köpfchen und nicht mit Waffengewalt gelöst wird. Dies gehört bei mir neben den üblichen Gesprächsregeln, die die Kinder zwar meistens kennen, aber oft im Geschichtenerfinderfieber nur schwer einhalten können, zu den Grundvoraussetzungen für den Erfindungsprozess.
Darüber hinaus lasse ich die Kinder meist frei fabulieren. Es ist die Geschichte der Kinder, ich moderiere nur den Prozess. Die Geschichte muss den Kindern gefallen, sie sollen Spaß daran haben und sich damit identifizieren können. Dies ist die beste Voraussetzung dafür, dass sie im Anschluss, wenn der Plot steht, Lust darauf haben, mit der Geschichte weiter zu arbeiten.
Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen die Kinder austesten, wie viel Quatsch sie machen können, bis ich eingreife. In so einem Fall habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, die Entscheidung der Gruppe zu überlassen. Wir sammeln verschiedene Vorschläge und stimmen dann ab. In den meisten Fällen entscheiden sich die Kinder dann für Vorschläge, die die Geschichte gut voranbringen. Spätestens wenn ich die Kinder frage, ob sie sich vorstellen können, diese Geschichte ihren Eltern, im Kindergarten oder im Altenheim zu erzählen, werden allzu schräge Vorschläge meist verworfen. Trotzdem kann es ab und zu nötig werden, die Notbremse zu ziehen. Ein einfaches „Das gefällt mir so noch nicht. Gibt es noch andere Vorschläge?“, genügt dann meist.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

„So was Schönes hab ich noch nie von dir gekriegt!“, sagt Alessia, 8 Jahre, und strahlt über das ganze Gesicht, als sie am Ende des Erzählwerkstattprojekts ihren Ordner mit unseren erfundenen Geschichten und den dazu gemalten Bildern von mir bekommt.

Barbara Greiner-Burkert, Pädagogin (M.A.), Systemische Beraterin/Therapeutin (SG), langjährige Berufserfahrung in Jugendhilfe und Familienberatung. Die Autorin aus München gibt Fortbildungen zum Thema Märchenerzählen.

 
 

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