So wird Erzählen zum Spiel

Ideen für Mitmach-Chancen anhand des Märchens "Kalif Storch"

Einfach nur zuhören? Nein!

Eine halbe Stunde oder noch länger ruhig dasitzen und dem Erzähler lauschen? Für Kinder ist es viel aufregender, nicht nur zuzuhören, sondern aktiv bei der Geschichte mitzumachen, denn durch den Dialog wird Erzählen zum Spiel. Und Gelegenheiten dazu bietet jede Geschichte!

Mitmach-Chancen

Norbert Kober stellt in seinem Buch „Ich erzähle frei“ drei Arten von Mitmach-Chancen vor: die MitSprech-Chancen, die KörperMitmach-Chancen und die MitNachdenk-Chancen. Mitmach-Chancen sind laut Kober „Szenen und Wendungen in einer Geschichte, die wir zu einem bewussten körperlichen und/oder sprachlichen Dialog mit einzelnen Kindern und der Gruppe nutzen wollen“.

Für die einfachste Form von MitSprech-Chancen eignen sich vor allem Geschichten, die Wiederholungen enthalten, beispielsweise Reihengeschichten, wie „Der dicke fette Pfannkuchen“. Kinder können ganz einfach bei den sich wiederholenden Elementen mitsprechen.

Bei den KörperMitmach-Chancen geht es darum, dass die Kinder ihren Körper miteinbinden. Norbert Kober fordert dazu auf: „Lassen Sie Ihr Publikum so viel wie möglich mitmachen.“ Denn dadurch bleibt das Publikum aufmerksam. Wichtig ist dabei laut Kober aber, dass die KörperMitmach-Chancen einen Bezug zur Geschichte haben.

Hinzu kommen noch die MitNachdenk-Chancen. Hierbei soll der Erzähler in einen Dialog mit dem Publikum treten, die Zuhörer zum Nachdenken und zu Mutmaßungen bringen oder sogar zum Entwickeln möglicher Fortsetzungen der Geschichte führen. Und wenn ausreichend gemutmaßt wurde, kann der Erzähler wieder zu seiner Version zurückfinden, indem er die Frage stellt: „Wollt ihr wissen, wie es in unserer Geschichte weitergeht?“

Kalif Storch

Nachfolgend sollen für das orientalische Märchen „Kalif Storch“ einige Mitmach-Chancen vorgestellt werden. Worum geht es in dem Märchen? Der Kalif Chasid zu Bagdad kauft von einem Krämer eine Dose mit geheimnisvollem Pulver – ein Pulver, mit dem man sich in ein Tier verwandeln kann. Wenn man aber verwandelt ist, darf man auf keinen Fall lachen, denn dann vergisst man das Zauberwort und kann sich nicht mehr zurückverwandeln. Der Kalif und sein Großwesir verwandeln sich in Störche und beobachten andere Störche an einem Teich. Als einer der Störche Tanzübungen macht, können sie sich nicht mehr beherrschen und fangen an zu lachen.

Und tatsächlich: Sie erinnern sich nicht mehr an das Zauberwort und bleiben erst mal Störche. Nun fliegen sie oft auf die Dächer Bagdads, um zu sehen, was in der Stadt vor sich geht, und was beobachten sie dabei?: Es gibt einen prächtigen Umzug, bei dem sich ein neuer Herrscher präsentiert, und da bemerkt der Kalif: Er ist einer Intrige des Zauberers Kaschnur zum Opfer gefallen, der veranlasst hat, dass sie sich in Tiere verwandeln, damit sein Sohn Herrscher Bagdads wird. Als Kalif Storch und sein Wesir ein Nachtquartier suchen, erblicken sie eine alte Ruine und fliegen dorthin. In der Ruine treffen sie auf eine verzauberte Eule. Diese wurde ebenfalls vom Zauberer Kaschnur verwandelt. Doch sie wird sich nur dann zurückverwandeln, wenn sie einen Mann findet, der sie sogar als Eule heiratet. Da sie weiß, dass sich mehrere Zauberer, darunter auch Kaschnur, in dieser Nacht in der Ruine treffen und beim Treffen eventuell das Zauberwort verraten wird, erpresst sie Kalif Storch und den Großwesir dazu, dass sie einer von beiden zu seiner Frau nimmt. Erst dann will sie ihnen verraten, wo sich die Zauberer treffen. Kalif Storch erklärt sich dazu bereit und tatsächlich erfahren die beiden Störche so das Zauberwort. Und siehe da, auch die Eule verwandelt sich durch die Heirat zurück in eine wunderschöne Prinzessin.

Ideen für Mitmach-Chancen

Zu Beginn des Märchens kann den Kindern die Frage gestellt werden: „Und was glaubt ihr: Was befindet sich wohl in der geheimnisvollen Dose?“ Damit ist gleich die erste MitNachdenk-Chance für die Kinder da. Wer weiß, was den Kindern alles einfällt! Als davon die Rede ist, dass sich die beiden in Störche verwandeln wollen, kann man die Kinder fragen, in welches Tier sie sich denn gerne verwandeln würden. Und danach gibt es eine große Verwandlungsrunde: Jedes Kind bewegt sich als das Tier durch den Raum, in das es sich verwandeln möchte – zusammen also eine MitNachdenk-Chance und eine KörperMitmach-Chance! Auch eine Szene, in der die Störche nach Fröschen am Teich suchen, bietet sich als MitNachdenk-Chance an: „Wer von euch hat schon mal einen echten Frosch gesehen? Habt ihr ihn vielleicht sogar angefasst? Wie hat sich das angefühlt?“ Und der tanzende Storch eignet sich als weitere KörperMitmach-Chance: „Wie kann das aussehen, wenn ein Storch tanzt? Das muss ja sehr lustig aussehen, wenn sich der Kalif und sein Wesir gar nicht zurückhalten konnten beim Lachen! Wollen wir mal versuchen, wie Störche zu tanzen?“ Eine weitere Idee für eine KörperMitmach-Chance bietet sich beim Festumzug: Die Kinder können den Umzug nachstellen - ein Kind ist der neue Herrscher, der voranreitet, hinter ihm sind mehrere Wachen, die ihm folgen, und sogar Tiere sind beim Umzug dabei: „Wer will den Elefanten spielen? Und wer ein Pferd?“

Los geht’s

Dies sind nur einige Beispiele, wie man die Kinder beim Erzählen des Märchens „Kalif Storch“ miteinbeziehen kann. Solche Möglichkeiten lassen sich für jede Geschichte finden! Und dabei wird das Geschichtenerzählen zum Spiel für die Kinder und die Geschichte wird zum wahren Erlebnis!

 

In diesem Video kann man sehen, wie eine weitere Geschichte mit Kindern umgesetzt werden kann - die Geschichte vom kleinen Bären mit seinem roten Boot, erzählt von Norbert Kober:

Dr. Norbert Kober ist Erzählkünstler und Autor. Zudem ist er künstlerischer Leiter der Goldmund-Erzählakademie.