Vorurteile und Angst vor Fremden

Elefanten in der Grundschule

Die erste Begegnung

20 gespannte Augenpaare richten sich im Kinositz auf das zugeklappte Erzähltheater auf dem Tisch vor ihnen. Die Kinder der Fuchsklasse kennen ein Kamishibai schon aus dem Kindergarten – „Da haben wir immer damit gesungen...“ so die spontanen Rufe einiger Schüler.
Langsam öffne ich die Flügeltüren und das Deckblatt unserer Geschichte „Elefanten im Haus“ erscheint. Sofort versuchen alle die rot gedruckte Schrift zu erlesen. „Elefanten im Haus? Das ist ja lustig, sowas gibt’s ja gar nicht.“ Oder doch?

Die Vorgehensweise

Da es im 1. Schuljahr besonders schwer ist, die Konzentration über einen längeren Zeitraum zu fokussieren, habe ich das Projekt in Häppchen geplant und somit ritualisiert. Jeden Tag wird eine Bildkarte zuerst betrachtet und beschrieben.
Dabei ist es mir wichtig, den Kindern wiederkehrende Floskeln an die Hand zu geben, die das Gespräch strukturieren.
Anschließend wird die Geschichte von mir vorgelesen und wir besprechen thematisch, klären Wörter und Fragen und beziehen schlussendlich den Text auf das Bild. Die Kinder bekommen außerdem Zeit, Erlebnisse aus ihrer Lebenswelt zu berichten.
Ich bleibe bewusst zuerst im Bereich „Sprechen und Zuhören“, da es mir wichtig ist, mit den Kindern präzises beschreiben und genaues zuhören anzubahnen und einzuüben. Die Weiterarbeit an der Geschichte könnte aber natürlich zum kreativen Schreiben übergehen oder zu einem Kunstbild, welches die Geschichte aufgreift. Auch im ethischen Bereich (bei uns wird in der 1. Klasse nur Ethik unterrichtet) gibt es Punkte, an denen man anknüpfen kann.

Die Durchführung

Sehen und beschreiben

Das erste Bild erscheint…Stille…dann murmeln…
„Was siehst du auf dem Bild?“ frage ich achselzuckend in die Runde, um nichts vorwegzunehmen und die Kinder zu aktivieren. Die ersten Finger heben sich nach oben.  
„Bevor wir einfach loslegen, brauchen wir etwas, um das Gespräch wie Profis durchführen zu können. Bitte beginne deinen Satz mit „Ich sehe auf dem Bild…“ und beende dann mit dem Satz „Was siehst du, …“ und nenne das nächste Rednerkind“, motiviere ich die Kinder.
Einige Finger senken sich wieder. Damit die Hemmschwelle sinkt, fange ich mit den Floskeln an und beginne eine Einzelheit des Bildes zu beschreiben und bestimme dann das nächste Kind. Nach und nach beschreiben wir so in allen Einzelheiten das Bild, entdecken versteckte Kleinigkeiten und „lesen“ so die Situation ganz ohne Text. Kleine Wiederholungen ergeben sich, aber im Großen und Ganzen sind die Kinder unwahrscheinlich aufmerksam und interessiert daran, wirklich jedes Detail zu erblicken und mit den Mitschülern zu teilen.

 
 

Vorlesen

Nun wurde so viel gefunden und ich lese den Text, unterstützt durch Stimmmodulation und Mimik vor. Das kleine Mädchen Fine entdeckt, dass neue Nachbarn in ihr Wohnhaus einziehen und hofft so sehr auf eine Familie mit Kindern. Bei Fine wohnen nämlich nur Erwachsene und das reicht ihr. Ihr Papa hört auch nur Mozart und liest in irgendwelchen Büchern. Fine spürt vor Aufregung ein Bauchkneifen und beschließt nachschauen zu gehen. Im Flur haben sich schon einige Nachbarn versammelt. Auch sie sind aufgeregt – aber nicht freudig und gespannt wie Fine. „Stell die vor, es sind Elefanten“,  „Solche waren hier noch nie“ und „Die passen nicht zu uns“, sagen sie. Fine versteht die Erwachsenen nicht.

Sprechen über den Inhalt

Nach dem Vorlesen werden zuerst unbekannte Wörter geklärt. Mozart ist den Kindern kein Begriff und wir klären schnell einige wenige dieser Unklarheiten. Dann wiederholen wir die Namen der Hauptpersonen und suchen sie auf unserem Bild.
Nun lenke ich die Kinder auf die Gefühlsebene. Impulsfragen wie: „Wann kriegt man Bauchkneifen auch wenn man nicht krank ist?“ bringen sie schnell auf Fines positive Aufregung und die Kinder beschreiben Situationen, in denen sie aufgeregt waren und sich sehr gefreut haben. Dagegen werden die Reaktionen der Erwachsenen Protagonisten gestellt, die sich abweisend und negativ der neuen Familie gegenüber äußern.

„Die kennen die Familie doch noch gar nicht, das ist total gemein!“

spricht ein Mädchen aus, was viele Kinder denken und alle nicken zustimmend mit dem Kopf. „Warum reden die Erwachsenen wohl so?“ frage ich weiter. „Vielleicht weil ein Umzug laut ist und die neue Familie trampelt“, so eine Antwort.

Wieder bekommen die Kinder Zeit, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie berichten, schon umgezogen zu sein und über das Gefühl, sich fremd gefühlt zu haben. Wir stellen fest, dass Umzüge laut sein können und die Erwachsenen gar keinen triftigen Grund haben für ihre Vorurteile.
Hier stoppe ich unser erstes Gespräch. Wir fassen abschließend unsere Gedanken zusammen. Ich gebe den Kindern den Ausblick, dass es morgen die nächste Karte geben wird und alle sind gespannt, wie es wohl weitergeht. Bleiben die Erwachsenen so unfair den Fremden gegenüber? Ist die Familie wirklich eine Elefantenfamilie? Findet Fine neue Freunde? Dies alles erkunden wir dann morgen…

Erstes Fazit

Für mich als Neuling in Sachen Kamishibai war der Einstieg mit diesem Medium einfach nur erfolgreich und gewinnbringend. Die Kinder waren motiviert und mitten in der Geschichte drin. Der Bereich „Sprechen und Zuhören“ ist im alltäglichen zwar allgegenwärtig, die effektive Beschäftigung mit dem Bereich des Deutschunterrichts kommt meiner Meinung nach jedoch zu kurz. Das Erzähltheater schafft es für uns LehrerInnen einfach und schnell Gesprächsanlässe zu schaffen und weiterführendes Arbeiten zu ermöglichen. Eine fächerübergreifende Arbeitsweise läuft damit quasi von selbst. Ich bin begeistert und wir werden fleißig weiter erzählen, beschreiben und kreativ sein.

Sabrina Jungbluth ist Grundschullehrerin und Yogalehrerin. Ihr findet sie hier auf Instagram: frauju_undihrefuechse

  • Produkt

    Elefanten im Haus. Kamishibai Bildkartenset.

    Die neuen Nachbarn sind Elefanten! Die Kinder spielen bald zusammen und werden Freunde - nur die anderen Mieter finden das gar nicht gut. Doch Fines Papa findet eine gute Lösung…

    16,00 €