Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist

Bilder und Geschichten im Alltag von Sprach-Kitas und Familien

Eine Kultur, die soziale Vielfalt wertschätzt und die Teilhabe aller unterstützt, ist eine wichtige Grundlage für alle Lern- und Bildungsprozesse. In diesem Sinne wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2016 bis 2019 das Bundesprogramm "Sprach-Kita. Weil Sprache ein Schlüssel zur Welt ist" gefördert. Es richtet sich an Kindertageseinrichtungen, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung besucht werden. Inzwischen beteiligen sich bundesweit hunderte von Sprach-Kitas an dem Programm. Drei Zielbereiche sind dabei besonders im Blick:

  • Alltagsintegrierte sprachliche Bildung
  • Inklusive Bildung
  • Zusammenarbeit mit den Familien

Bei der Umsetzung werden die Kita-Teams mit Anregungen, Ideen und Projekten von Fachkräften für sprachliche Bildung unterstützt. Bilder und Geschichten – in der Gruppe oft mit Kamishibai erzählt – spielen dabei eine wichtige Rolle, und zwar für alle drei Zielbereiche:

1. Alltagsintegrierte sprachliche Bildung

Hier geht es darum, Kinder in allen Alltagsbereichen gezielt in ihrer Sprachentwicklung anzuregen und zu fördern. Sprachförderung ist dabei in bedeutungsvolles Handeln eingebettet, durch feinfühlige Beziehungsarbeit begleitet und findet in allen Situationen des Einrichtungsalltags ihre praktische Umsetzung. Sprachliche Bildung geschieht z.B. in alltäglich wiederkehrenden Situationen (z.B. Mahlzeiten), freien Spielsituationen (z.B. Rollenspiel) und gezielten Angeboten wie z.B. beim Vorlesen und Erzählen von Geschichten, gern verbunden mit Musik und Bewegung. Dabei orientieren sich solche Geschichtenzeiten ebenso an der Lebensumwelt der Kinder und bieten eine Vielfalt an Themen, Sprachen und Erzählweisen, die sich unmittelbar in den Alltag integrieren lassen. Mehrsprachiges gehört ebenso dazu wie Bilder zum freien Entdecken, Erkennen und Benennen. Anregungen zum Singen und für Fingerspiele, kleine Geschichten sowie Bilderfolgen für Kamishibai, die sich besonders für das dialogische Vorlesen und Erzählen in der Gruppe eigenen,  können hierbei eingesetzt werden. Neben der Auswahl an geeigneten Bildmaterialen und Erzählimpulsen kommt der Beziehungsqualität im Dialog und in der Interaktion eine entscheidende Bedeutung zu.

2. Inklusive Bildung

Mit Vielfalt umgehen und eigene Stärken entdecken – dieser Ansatz enthält ein großes Potential für Sprachanlässe und trägt so zu einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung bei: Kinder werden ermutigt, ihre eigene Identität zu entdecken, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen und gemeinsame Regeln zu vereinbaren. Bei Bildern und Geschichten wird daher auch ein Augenmerkt auf inklusive Aspekte in Text und Illustration gelegt.  Außerdem trägt der interaktive Einbezug der Kinder in das Geschichtenerzählen durch spielerische Elemente sowie kreative Gestaltungsmöglichkeiten mit dazu bei, mögliche Sprachbarrieren abzubauen und die erhaltenen sprachlichen und literalen Anregungen im eigenen Alltag zu verankern.

3. Zusammenarbeit mit den Familien

Für Kinder und Eltern ist es wichtig, dass sie ihre eigene Identität bewusst wahrnehmen und stärken können. Sprachliche und kulturelle Vielfalt wird dabei als positiv erachtet, als Potenzial genutzt und nicht auf eine vordefinierte „Kultur“ festgelegt.  Im Vordergrund steht vielmehr die Individualität des Kindes mit seinen unterschiedlichen Voraussetzungen und Optionen. Eltern erhalten im Rahmen des Projekts vielfältige Anregungen, wie sie auch zu Hause ein sprachanregendes Umfeld schaffen können. Es wird Raum gegeben,  dass Kinder und Erwachsenen ihre unterschiedlichen familiären Lebenswelten miteinander teilen und als Anregung zu Dialog und Austausch erleben können.

Bilder und Geschichten schaffen dabei wertvolle Sprachanlässe und schlagen mitunter eine Brücke zwischen Kita-Alltag und Familien-Alltag: Wenn beispielsweise in der Kita-Gruppe eine Kamishibai-Geschichte erzählt und über eine längere Zeit mit begleitenden Aktivitäten vertieft wird, kann das passende Mini-Bilderbuch dazu als kleines Geschenk an die Familien weitergegeben werden, auf diese Weise das Vorlesen zu Hause fördern und Vertrautes in die Familie tragen. Eine ähnliche Verknüpfung ergibt sich in der Vorweihnachtszeit mit den Adventskalender-Kamishibais, die im Kita-Alltag Tag für Tag mit kleinen Geschichten ihren Platz finden und dann mit Downloadmaterial zum Basteln das gemeinsame Tun zu Hause anregen.

Praxis-Tipps kurz gefasst:

Bei der Auswahl von passenden Kamishibai-Bildkartensätzen für den Einsatz in Sprach-Kitas sind  folgende Aspekte im Sinne der drei Zielbereiche besonders zu bedenken:

  • Bietet die  Themenstellung einen Alltagsbezug (wie z.B. Jahreszeiten, Berufe, Miteinander, Farben, Mahlzeiten etc.), der sich mit anderen Aktivitäten spielerisch verbinden lässt und eine vielfältige Teilhabe durch freies Erzählen, Singen und Tun erlaubt?
  • Wird in Text und Bildsprache vorurteilsbewusst und inklusiv erzählt, d.h. wird Individualität als Teil einer vielfältigen Normalität wertgeschätzt  und  werden verschiedene Identitäten gleichberechtigt dargestellt? Erschließt sich die Handlung auch für Kinder mit noch geringen Deutschkenntnissen (z.B. durch Wiederholungsstrukturen und bildgestütztes Erzählen).
  • Können ergänzende Mini-Bilderbücher zum Verschenken an die Familien bzw. Beschäftigungs-Ideen für zu Hause eine Anknüpfungsmöglichkeit an die in der Kita-Gruppe erlebte Geschichte bieten und so eine Brücke in die Familie schlagen?

Folgende Kamishibai-Bildkartensätze sind in diesem Sinne z.B. gut einsetzbar:

Mehr Infos zu den Sprach-Kitas und zum Bundesprogramm: http://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/

Susanne Brandt, Bibliothekarin, Autorin von Liedern, Geschichten und Gedichten sowie von pädagogischen Praxisbüchern. Sie arbeitet als Lektorin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein, ist in der Erwachsenenbildung tätig und veranstaltet Mitmachaktionen für Kinder rund ums Kamishibai.