Wie begleiten wir Kinder durch schwierige Zeiten?

Resilienz-Geschichten stärken bei Angst und Unsicherheit

Kinder brauchen Sicherheit in unsicherer Zeit

Wie begleiten wir Kinder durch schwierige Zeiten? Seit zwei Jahren stellt sich diese Frage auf besondere Weise immer wieder neu – in Kita, Schule und Familie, in Kinderarztpraxen und in unzähligen Alltagssituationen. Pandemiebedingt scheint durch die jeweils geltenden Regeln nichts mehr so, wie es zuvor vertraut erlebt wurde. Ängste, Frustration und Sehnsucht nach Normalität begleiten diese Wochen und Monate – bei Kindern wie bei Erwachsenen. Gerade Kinder sind damit oft doppelt konfrontiert: Sie suchen für sich Orientierung bei widersprüchlichen Wahrnehmungen, spüren jedoch nicht allein ihre eigenen Gefühlsschwankungen, sondern haben auch feine Antennen für die Konflikte und Irritationen bei Erwachsenen. Was hilft in dieser Verunsicherung? Wie können Ängste zur Sprache kommen, die jetzt unter dem Eindruck des Kriegs in Europa neu entstehen?

Geschichten sind Anker im Ungewissen

Eine Antwort lautet: Geschichten erzählen. Das mag naiv und zu einfach klingen angesichts der komplexen Gemengelage an Fragen und Bedrängnissen, die derzeit auf Familien, Kitas und Schulen einwirken. Aber zu einfach wäre die Antwort nur dann, wenn sie als Rezept verstanden wird im Sinne von: Man nehme diese oder jene Geschichte und alles wird gut …

Gemeint ist hier etwas anderes: Geschichten erzählen – das kann in Zeiten der Ratlosigkeit und der Widersprüchlichkeiten ein Weg sein, um im Gespräch zu bleiben. Um eine Möglichkeit zu entdecken, sich die Ängste in einem geschützten Rahmen anzuschauen und diese nicht als lähmend zu erfahren, sondern als Weg und Stärkung der eigenen Handlungskompetenz.

In Geschichten lösen wir Schwierigkeiten im geschützten Rahmen

Was geschieht dabei genau? Geschichten erlauben es, schwierige und beklemmende Situationen aus einer gewissen Distanz zu betrachten – auf einer Bühne sozusagen. Gleichzeitig spüren wir in der Erzählsituation die Nähe und Zuwendung eines lebendigen Gegenübers. Dabei können die literarischen Figuren, die dabei mitunter in die Klemme geraten und nach Lösungen suchen, stellvertretend jenen Mut verkörpern, den Kinder aufbringen müssen, um sich mit den Herausforderungen des realen Lebens auseinanderzusetzen. Geschichten, die reich sind an solchen Erfahrungen, sparen Ängste und Unsicherheiten also nicht aus, erzählen von Abenteuern und Aufbrüchen – und von Lösungen, die manchmal durch geduldiges Suchen und Hoffen, manchmal auch überraschend zutage treten.

Gerade das Kamishibai kann sich mit einer bewussten Auswahl von Geschichten als eine „Bühne“ erweisen: Diese lässt gleichermaßen schützende menschliche Nähe im dialogischen Erzählen und eine betrachtende und damit gefahrlose Haltung zu der gezeigten und beschriebenen Handlung zu.

Sechs Bilderbuchgschichten gegen Angst und Unsicherheit

  1. Wunderbar befreiend wirkt die Geschichte von „Lindbergh“, jener Maus, die sich in bedrängender Situation mit Mut und Erfindungsgeist zu helfen weiß.
  2. Bei „So war das! Nein so! Nein so!“ steht die Frage im Raum, wer Recht hat. Kann es Versöhnung geben, auch wenn sich die Beteiligten schon weit in den Konflikt hineingesteigert haben?
  3. In der „großen Wörterfabrik“ ringt Paul um Worte, mit denen er Marie seine Zuneigung zeigen möchte. Er wird mit Begrenzungen konfrontiert – und er erlebt, wie ihm Mut zuwächst.
  4. Beim „schaurigen Schusch“ gilt es, Vorbehalte und Misstrauen zu überwinden. Wie weit kann ich mich (neu) auf Begegnung einlassen?
  5. Der „verlorene Otto“ spürt die Sehnsucht nach Freiheit, traut sich was – und weiß sich am Ende im Vertrauten bedingungslos angenommen.
  6. Für „Benno Bär“ und seine Freunde will sich der Schlüssel zur Lösung des Problems zunächst trotz vielfältiger Versuche und Bemühungen nicht finden lassen. Da taucht er am Ende ganz anders auf als gedacht.

So unterschiedlich diese Beispiele auch sein mögen – für sie alle (und gewiss noch für einige mehr) treffen folgende Eigenschaften zu:

  • Die Geschichten erzählen von Grunderfahrungen menschlichen Lebens: in Not geraten und Rettung erfahren, Prüfungen durchstehen, Verunsicherung erleben und Liebe spüren.
  • Die Geschichten ermutigen dazu, dem Leben zu trauen, Ängste nicht zu verdrängen und an ein Weiterkommen zu glauben – allen Gefahren und Irritationen zum Trotz.
  • Die Geschichten unterstützen die Orientierung und Suche nach einer eigenen Haltung, indem sie nachvollziehbare Strukturen aufzeigen, auch in unsicheren Situationen noch Überblick gewähren und sich dabei zugleich befragen und kritisch bedenken lassen.
  • Die Geschichten beinhalten einen kostbaren Vorrat an symbolischen (Sprach-)bildern, die das kulturelle Erleben und Verstehen entwickeln und vertiefen helfen. Daraus lässt sich ein Leben lang schöpfen.

Geschichten regelmäßig und zugewandt erzählen!

Doch nicht nur auf das Was, sondern auch auf das Wie kommt es an: Eine entscheidende Rolle beim Vorlesen und Erzählen spielt die dialogische Gestaltung der Situation wie auch die Wiederholung und Verlässlichkeit solcher Begegnungen. Denn ein Prozess der Verinnerlichung, der Vertrauensbildung und Ermutigung durch Geschichten braucht Zeit und persönliche Zuwendung. Regelmäßige Ankerpunkte im Tageslauf, zu denen Geschichten erzählt werden, erhöhen die Chance, nach und nach wohltuende Wirkungen zu entfalten.

 
 

Susanne Brandt, Kinder- und Praxisbuchautorin. Sie arbeitet als Lektorin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein, schreibt Lieder und Lyrik und engagiert sich in der Kulturarbeit mit Kindern sowie in der Integrationsarbeit. Mit zahlreichen Fortbildungen erschließt sie die unterschiedlichsten Aspekte beim Erzählen mit dem Kamishibai.

Unser Redaktionstipp: Viele Märchen und Geschichten, in denen gemeinsam nach Lösungen von Konflikten und gelingendes Zusammenleben gesucht wird, hat Susanne Brandt geschrieben und thematisch zusammengestellt in: Die Erde ist ein großes Haus.

 

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