Das öffentliche Wohnzimmer

Kamishibai-Nachmittag in der Bücherei

„Geschichtenzeit – an jedem Mittwoch um 15 Uhr für Klein und Groß“ – so oder ähnlich laden Hunderte von Büchereien regelmäßig zum Vorlesen und Erzählen ein. Und Tausende kommen! Denn Büchereien sind sozusagen das „öffentliche Wohnzimmer“ in den Dörfern und Städten. Hier leiht man sich nicht nur Bücher, CD’s oder Filme aus, hier trifft man sich auch mit anderen Menschen – z.B. zu Kamishibai-Stunden!

Einladend, unkompliziert und in der Regel kostenlos werden öffentliche Vorlese- und Erzählveranstaltungen in Büchereien angeboten und gestaltet. Denn die Begegnung mit Geschichten und Menschen wie auch das Vertrautwerden mit verschiedenen Erzählkulturen steht hier im Vordergrund. Alle, die daran teilhaben möchten, sollen ohne Hindernisse einen freien Zugang erhalten. Mal kommen vielleicht nur vier oder fünf Kinder, die nächste Woche sind es 25. Das lässt sich selten verlässlich vorhersagen. Verlässlich aber ist das Angebot: Mitarbeitende der Bücherei, oft auch unterstützt durch ehrenamtlich Engagierte, freuen sich über alle, die sich geplant oder spontan in der Erzählecke zur angekündigten Zeit einfinden. Sie heißen eine ganz kleine Gruppe ebenso willkommen wie einen größeren Kreis von Zuhörenden.

Leichte Handhabung und leichte Zugänglichkeit für alle

Eine große Hilfe ist dabei das Kamishibai-Erzähltheater. Denn es bietet große Spielräume – bei einem vergleichsweise kleinen Vorbereitungsaufwand. Bevor das Kamishibai zum Einsatz kommen kann, muss keine Technik aufgebaut und überprüft werden. Es reicht, einen kleinen Tisch so zu platzieren, dass der hölzerne Theaterrahmen für alle gut sichtbar stehen kann, die Bildkarten zu passenden Geschichten bereit zu legen – und schon kann’s losgehen. Manchmal fällt die Entscheidung für die passende Geschichte erst, wenn deutlich wird, welche Kinder diesmal gekommen sind. Und im Sommer kann möglicherweise auch spontan entschieden werden, mit dem Theater unterm Arm einfach nach draußen zu gehen. Kamishibai im Garten oder auf einem Rasenstück unter einem großen Baum ist für viele ein besonderes Erlebnis.

Was macht das Erzählen mit Kamishibai so attraktiv?

Die szenische Erzählweise mit Kamishibai bietet in Ergänzung zu anderen Formen des Vorlesesens und Erzählens besondere Chancen – beim Zuschauen ebenso wie beim Gestalten und Vorführen. Ganz verschiedene Talente können dabei je nach Situation zur Entfaltung kommen: Entdecken und Zuhören, Malen und Zeichnen, Sprechen, Singen und Spielen, Dichten, Schreiben und Fantasieren – die Liste der Möglichkeiten, das Kamishibai als Medium zu nutzen, ist lang und vielfältig: ganz klassisch fertige Geschichten präsentieren oder eher kreativ und experimentell auch mal neue Geschichten entstehen lassen.

Dabei bewirkt das gut ausbalancierte Wechselspiel zwischen einem ruhigen Bildmedium und einer lebendig erzählenden oder vorlesenden Person einen doppelten Effekt: Die Vermittlung geschieht einerseits dialogisch und persönlich in großer Nähe zu den Zuschauenden und Zuhörenden. Gleichzeitig werden aber auch Erzählhemmungen, Schüchternheit und mögliche Ängste beim freien Sprechen dadurch gemildert, dass sich der oder die Erzählende nicht allein vor dem Publikum steht. Hier erweisen sich die Bilder als verlässliche Begleiter, hinter denen sich niemand verstecken muss, neben denen sich aber jeder gestützt fühlen darf.

Ein bisschen Übung gehört dazu – und macht Spaß!

Um den Bilderwechsel mit dem Kamishibai so flüssig und situationsgerecht zu gestalten, dass aus dem natürlichen Miteinander von Bewegung, Sprache, Bild und Dialog ein stimmiger Gesamteindruck entsteht, ist ein bisschen Übung erforderlich – jedoch keine mühsamen Vorbereitungen. In der Übung liegt die besondere Chance, für sich eine eigene „Erzählweise“ zu finden: Wer sich in einer Geschichte und in dem Erzählen mit Kamishibai und seiner Bilderwelt ganz als Mensch „zu Hause“ fühlt, wird das auch durch eine entspannte Körperhaltung zum Ausdruck bringen, den Menschen als Gegenüber offen begegnen und leichter zu einem für sich stimmigen Sprach- und Bildrhythmus kommen.

Beim Erzählen mit Kamishibai macht der sinnlich leicht nachvollziehbare Vorgang des Bilderwechsels per Hand Zusammenhänge für Kinder durchschaubar, beinhaltet aber gleichzeitig geheimnisvolle Überraschungs- und Spannungsmomente. Die Kinder bleiben dadurch meistens sehr konzentriert bei der Sache. Sie erleben den Blickkontakt als persönliche Ansprache und finden so leichter zu einem Dialog.

Ein kleiner Praxis-Tipp, der schon vielen geholfen hat:

Zu (fast) jeder Kamishibai-Geschichte beim Don Bosco Verlag gibt es auch ein passendes Mini-Bilderbuch mit der gleichen Text- und Bilderfolge. Auch wenn die Texte zu den Bildern als DIN A 3 Bogen jedem Bildkartensatz beiliegen – viele finden es leichter, beim Vorlesen oder freien Nacherzählen das kleine Mini-Bilderbuch in der Hand zu halten. Einfach mal ausprobieren!

Die Bücherei als Mitmachwerkstatt

Die persönliche Ansprache kann sich spürbar motivierend auf die Lust der Kinder auswirken, eigene Ideen und kreative Möglichkeiten beim Erzählen oder Gestalten von Bildern zu erproben: Vom Ausdrücken eigener Gedanken im Gespräch bis hin zur Entwicklung eigener Geschichten und Bilder sammeln die Kinder dabei die Erfahrung, dass sie sich mit eigenen Vorstellungen, Äußerungen und Handlungsspielräumen beteiligen können und wahrgenommen werden. Die Bücherei als Ort, an dem Medien nicht nur „konsumiert“ werden, sondern gleichzeitig die Eigenaktivität und Kreativität mit anderen zusammen einen offenen Raum finden, hat heute einen hohen und zukunftsweisenden Stellenwert bei bibliothekarischen Angeboten. „Makerspace“ heißt mancherorts das Schlagwort für offene gemeinnützige Mitmachwerkstätten – und Kamishibai kann mit seinen vielfältigen kreativen Möglichkeiten (auch in Verbindung mit digitalen Techniken) ein Teil davon sein. Warum nicht mal versuchen, eine mit Kamishibai entwickelte szenische Bilderfolge digital weiterzuverarbeiten und daraus einen kleinen Trickfilm zu machen?

Viele Fachstellen für Büchereien in Deutschland und den Nachbarländern unterstützen inzwischen den Einsatz des Kamishibais in Bibliotheken durch Fortbildungen oder durch die Bereitstellung von Materialien zum Ausleihen. Vor allem den ganz kleinen Büchereien wird so der Einstieg in das Erzählen mit Kamishibai erleichtert: Gerade in beengten Räumlichkeiten oder in einem Bücherbus, der in ländlichen Regionen die Kindergärten und Grundschulen besucht, zeigt das Kamishibai seine speziellen Vorzüge und ist „im Handumdrehen“ jederzeit ohne hohen Kosten- und Vorbereitungsaufwand einsatzbereit.

Susanne Brandt, Bibliothekarin, Autorin von Liedern, Geschichten und Gedichten sowie von pädagogischen Praxisbüchern. Sie arbeitet als Lektorin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein, ist in der Erwachsenenbildung tätig und veranstaltet Mitmachaktionen für Kinder rund ums Kamishibai.