Das Kamishibai im Museum

Kunstvermittlung mit Kindern

Als Kunstvermittlerin am LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster arbeite ich mit den unterschiedlichsten Zielgruppen. Vor allem bei den Vermittlungsformaten für Kinder spielt das eigene kreative Arbeiten im Atelier des Museums eine große Rolle. Wir gehen mit den Kindern in die Ausstellung, wobei sie vor ausgewählten Werken durch kleine Aufgabenstellungen zur Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Gesehenen angeregt werden. Im Anschluss nutzen wir im Atelier die unterschiedlichsten Materialien, wir malen, bauen, experimentieren, machen Lichterspiele und vieles mehr. Hier kommt auch das Kamishibai zum Einsatz.

Der „Bildschöne Samstag“

Bei einem unserer öffentlichen Kinderworkshops (für 6- bis 10-Jährige) habe ich mit meiner Kollegin Linda Kotzian einen Workshop zu dem Künstler Sean Scully angeboten. Neben einigen Skulpturen und einem Gemälde war das 10 Meter hohe, begehbare Objekt "Opulent Ascension" des irisch-amerikanischen Künstlers zu sehen. Durch die mit Filz ummantelten und im Quadrat übereinandergestapelten Balken konnten die Kinder den Innenraum der Arbeit erkunden und das Material erfühlen. Die Werke des abstrakten Künstlers faszinieren außerdem durch die Farbkraft. Nach dem interaktiven Museumsrundgang haben wir eigene Streifenbilder kreiert, die auch ins Plastische gingen, da wir unterschiedlich dicke Papiere/Filze etc. verwendet haben. Zum Abschluss kam das Kamishibai zum Einsatz, in dem jedes Kind sein Werk präsentierte. Dabei wurde erst der Kasten mit geschlossenen Türen gezeigt, bevor das Kind langsam die Türen öffnete und sein Bild enthüllte.

Diese besondere Art der Präsentation wurde genutzt, damit die Kinder noch einmal etwas zu ihren Werken erzählen können, und auch für Fragen und Anmerkungen aus der Gruppe gab es Gelegenheit. Es erfüllt die Kinder mit Stolz, wenn ihre Werke so viel Aufmerksamheit zum Ende des Workshops bekommen, sie können selber noch einmal reflektieren und lernen, zu präsentieren und die Werke der anderen wertzuschätzen.

Diese Form eines Workshopabschlusses verleiht den Bildern eine Wertigkeit. Bei längeren Workshops können die Kreationen auch den Eltern präsentiert werden, wenn diese ihre Kinder abholen kommen.

 

 

Andere Einsatzmöglichkeiten

Neben der Nutzung des Kamishibais für die Präsentation der eigenen Arbeiten lässt es sich natürlich auch im Museum in seiner ursprünglichen Verwendungsart einsetzen: dem Geschichtenerzählen mithilfe der Bildkarten.

Kleinkinder
Dies gilt vor allem für die Jüngsten, das sind bei uns im LWL-Museum für Kunst und Kultur die Minimaler (2 bis 4 Jahre), welche noch sehr an Bilderbuchwelten und Geschichten gewöhnt sind. Mit den Minimalern machen wir oft eine Einstiegsrunde wie eine Bewegungsübung im Atelier, bevor es in die Ausstellung geht, damit sie sich erst einmal an die neue Situation gewöhnen. Ebenso kann eine kleine Geschichte, erzählt mit dem Kamishibai, in das Thema einführen und die Kinder mit einem vertrauten Medium ansprechen und zu den Kunstwerken überleiten. So kann eine Bilderbuchgeschichte zum Thema Sternenhimmel in die Kunst von Otto Piene einführen, der mit seinen Installationen im Ausstellungsraum die Lichter über die Wände tanzen lässt.

Grundschulkinder/ältere Kinder
Bei mehrtägigen Workshops, zum Beispiel auch zum Thema Illustration, können die Kinder eigene längere Geschichten entwickeln. Hier kann das Kamishibai auch für das Erzählen der eigens kreierten Geschichten genutzt werden und den Kindern dabei ermöglichen, ins Erzählen zu kommen.
Das Szenische und Bühnenhafte, das in vielen Museumsstücken eine Rolle spielt und viele KünstlerInnen inspirierte, lässt sich mit dem Kamishibai nachempfinden. Hier können die Kinder die einzelnen Figuren aus Kunstwerken nachbauen und das Bild im Kasten in Bewegung bringen.
Eigentlich ist das Kamishibai für alle Altersgruppen interessant, weil es so viele unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten bietet.

Praxistipp für Kitas

Das Kamishibai kann nicht nur im Museum, sondern auch in der Kita eine Möglichkeit sein, die eigenen Arbeiten wie in einem kleinen Theater zu präsentieren, und so den Kindern auch eine besondere Aufmerksamkeit der Gruppe zukommen zu lassen.
Es lässt sich aber auch der szenische Aspekt spielerisch in der Kita umsetzen: Die Gruppe kann gemeinsam ein Bild entwerfen (einzelne Figuren, Objekte, Hintergrund etc. an Schaschlikspießen), welche dann von zwei Kindern vorne bewegt werden, während die Gruppe sie dirigiert. Zum Beispiel könnte eine kleine Gespensterstory von den Kindern gestaltet werden, für welche mehrere kleine Geister sowie eine alte Dame und ein Hund als Figuren gebastelt werden können. Ein weiteres Team von Kindern kann parallel einen Hintergrund mit einer Burg und einem Burgplatz malen, andere Kinder können einzelne Gegenstände wie Bäume, eine Truhe und einen Mond entwerfen. Nun kann eine kleine Szene nachgespielt werden: Der Mond geht auf, eine alte Dame führt nachts ihren Hund auf dem Burghof Gassi und wird schließlich von Geistern erschreckt, die aus der Truhe/der Baumkrone auftauchen. Ob die Dame und ihr tierischer Begleiter Reißaus nehmen oder sich den Geistern mutig stellen, können die Kinder dann spontan entscheiden.
Um das Ganze bühnenhafter und unheimlicher zu gestalten, können zwei weitere Kinder mit Taschenlampen im abgedunkelten Raum Spotlights werfen, um der Szenerie eine besondere Atmosphäre zu geben. Darüber hinaus können die Kinder mit Geräuschen und Instrumenten Szenen vertonen. 

Zur Autorin: Anne Marie Braune hat in Münster Illustration mit Schwerpunkt Kinderbuch studiert. Am liebsten erfindet sie kleine lustige Tierwesen und farbenfrohe Traumwelten. Sie veranstaltet außerdem immer wieder Kunstvermittlungsprojekte mit Kindern und macht kleine Ausstellungen.

(Anmerkung zu den Fotos: Ergebnisse angeregt durch die Werke von Sean Scully)