Wie erzähle ich eine biblische Geschichte?

Erzählgrundlagen - vom Erzählen ohne Bilder zum bildgestützten Erzählen

Publiziert am 27.06.2019 von Martina Groß

Du möchtest selbst biblische Geschichten erzählen. Aber wie? Trau dich. Es bedarf ein wenig Übung. An den Reaktionen der Kinder erkennst du, ob du die Geschichte „verändern“ musst oder ob sie „ankommt“. Lass dich auf das Abenteuer Erzählen ein. Jeder macht es etwas anders - hier erklärt Martina Groß, wie sie sich eine bibilische Geschichte fürs Erzählen aufbereitet.

8 Tipps zum Erzählen biblischer Geschichten

Biblische Texte liefern spannende Geschichten und faszinieren Kinder. Klasse, dass wir durch das Kamishibai fertige Bilder und Texte haben. Und wenn’s nicht 100% passt? Mit den Bildern arbeiten fällt leicht. Wir können wählen, welche wir verwenden oder sie durch anderen, z.B. von den Kindern gestaltete, ersetzten. Mit den Texten ist das schon schwieriger. Manchmal gefallen sie uns nicht oder es gibt noch gar keine zu einer Bibelstelle. Du möchtest selbst biblische Geschichten erzählen. Aber wie? Trau dich. Es bedarf ein wenig Übung. An den Reaktionen der Kinder erkennst du, ob du die Geschichte „verändern“ musst oder ob sie „ankommt“. Lass dich auf das Abenteuer ERZÄHLEN ein.

  1. Such dir eine Geschichte aus der Bibel und lies den Originaltext (Einheitsübersetzung oder eine andere Bibelübersetzung) zwei- bis dreimal durch. Unbekannte Wörter klärst du. (Frag das Internet oder Fachleute).
  2. Unterstreiche den Satz, der dir am wichtigsten erscheint oder der dich auf besondere Weise anrührt.
    Jede Bibelstelle beherbergt mehrere Aussagen. Wähle nur eine. Und zwar die, die für dich momentan Bedeutung hat. (Das kann eine andere Botschaft sein als die, die im Begleittext eines Kamishibai-Bildkartensets herausgearbeitet wurde).
    Jede Geschichte hat eine Einteilung, einen Hauptteil und einen Schluss. (Ah … Schülererinnerungen an den Deutschunterricht mit Inhaltsangaben werden wach …) Gliedere deinen Text danach.
  3. Die Einleitung führt die Zuhörer*innen ins Geschehen und beschreibt die Situation.
  4. Im Hauptteil wird der Spannungsbogen aufgebaut. Du darfst die biblischen Texte „ausschmücken“, solange wesentliche Inhalte und Glaubensaussagen nicht verfälscht dargestellt werden. Hierfür lohnt es sich, ein wenig zu recherchieren, wie die Menschen damals lebten.
  5. Der Schluss hat ein gutes Ende bzw. einen hoffnungsvollen Ausblick. Er sollte so gestaltet sein, dass er offen ist und Möglichkeit bietet, die Kinder eigene Gedanken entwickeln zu lassen. Das ist ein guter Einstieg zum Theologisieren mit Kindern.
    Achtung: Am Schluss keine moralische Zusammenfassung! Jeder darf durch die Geschichten seinen eigenen Zugang zu Gott finden. Es handelt sich ja hier um keine Predigt oder Katechese.
  6. So und nun überlege, aus welcher Perspektive du erzählen möchtest:
    • Als Reporter, der das Geschehen berichtet, aber natürlich nicht die Gedanken und Gefühle der Beteiligten „lesen“ kann.
    • Als Erzähler in der 3. Person, der alles weiß.
    • Oder du wählst dir eine Person, aus deren Perspektive du erzählst (NIE die Person Jesu). Das kann in der Ich-Form oder in der 3. Person geschehen.
      Zum Beispiel beschreibt der blinde Bartimäus, wie er die Begegnung mit Jesus erlebt hat: (…) Ich höre die Schritte vieler Menschen, die an mir vorbeieilen. Ich höre ihre aufgeregten Stimmen. Alle reden durcheinander. Der Name „Jesus“ wird oft genannt. Jesus – ich erinnere mich. Von dem habe ich die Menschen, die immer an mir vorbei gehen, schon sprechen hören. Ist das nicht der, der Kranke heilt? Ob er auch für mich etwas tun kann? Ich rufe laut in die Richtung, aus der ich das Stimmengewirr wahrnehme: „Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ (…) Mk 10,46-52
    • Manchmal bietet es sich auch an, aus der Sicht eines Tieres oder vielleicht eines Baumes etc. zu erzählen, z.B. der kleine Esel beschreibt, wie er Jesus nach Jerusalem getragen hat.
  7. Erzählen ruft bei den Zuhörer*innen/n Bilder „im Kopf“ hervor. Gestalte deine Geschichte so, dass du möglichst alle Sinne deines Gegenübers ansprichst. Farben, Geräusche, Gefühle, Geruch … So kann er sich die Situation genauer vorstellen und „emotional mitgehen“.
    Beispiel: Es war heiß. Sehr heiß. Die Sonne stand hoch am Himmel und strahlte mit ihrer ganzen Kraft auf das Lager. Keine Wolke war zu sehen. Kein Lüftchen zu spüren. Die Luft flimmerte vor Hitze. Alle Bewohner hatten sich in die Zelte zurückgezogen. Diese viereckigen, großen Zelte waren mit Tierhäuten bespannt und boten den Familien ein wenig Kühle vor der gleisenden Mittagssonne... (Gen 18,1)
  8. Wenn du noch nicht so geübt bist im Erzählen, dann wähle eine biblische Geschichte, zu der es ein Kamishibai-Bildkartenset mit Text gibt. Dennoch empfehle ich dir, dich als erstes an den Text wie oben beschrieben heranzutasten und dann erst den Kamishibai-Text zur Unterstützung heranzuziehen. So wird die Geschichte zu „deiner“ und deine Begeisterung überträgt sich auf die Kinder.

Praxisimpuls „Einstieg ins Erzählen“ mit dem Kamishibai

  1. Wähle ein Bild aus einem Kamishibai-Set, dass den Kindern unbekannt ist. Betrachte es mit den Kindern:
    • Die Kinder beschreiben, was sie sehen (Farben, Formen, Gegenstände, Personen Etc.)
    • Die Kinder überlegen, was auf dem Bild wohl passiert.
    • Welche Bedeutung könnte es haben?
  2. So und nun erfindet zu dem Bild eine eigene Geschichte. Und zwar folgendermaßen: Einer beginnt mit einem Satz passend zum Bild bzw. als Hilfestellung für Ungeübte dieser Methode gibst du den Einleitungssatz vor. Der Reihe nach ergänzt jedes Kind mit einem weiteren Satz die Geschichte zum Bild. Die Sätze werden nicht kommentiert. Das letzte Kind sollte einen Schlusssatz finden. Bei einer insgesamt kleinen Gruppe kann es auch zwei Runden geben, so dass auch jeder zweimal drankommt.
    Wichtig: Schreibe wörtlich gleich mit, was die Kinder sagen! Ist die Geschichte beendet, dann liest du das gesamte Erzählte vor. Ihr werdet staunen, welch eine gut gelungene Geschichte ihr zu dem ausgewählten Bild erfunden habt!
  3. Nun weist du die Kinder darauf hin, dass du das Bild aus einer anderen Erzählung entnommen hast. In einer nächsten Einheit (bei jungen Kindern am darauffolgenden Tag wegen des begrenzteren Konzentrationsvermögens) erzählst du die biblische Geschichte, zu der das Bild gehört, mit dem Kamishibai-Theater.

Trotz Smartphone etc. lassen sich auch Schulkinder für diese Methode und für das Kamishibai begeistern!

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