Wie Kinder in der Grundschule zu Erzählern werden

Das Kamishibai in der Grundschule

Immer öfter findet das Erzähltheater Kamishibai Einzug in die Schule. In der Frühpädagogik ist der auf den ersten Blick schlichte „Bilderrahmen mit Flügeltüren“ bereits etabliert und geliebt als kreative Methode für die Sprachbildung und -förderung. Zunehmend entdecken auch Lehrer/innen und Schüler in der Grundschule die Chancen der Methode Kamishibai – zur Leseförderung, Entwicklung von Sprache und Sprachgefühl, selbstständigem Lernen und Präsentieren, zur Schulung von Sozialkompetenzen. Von Helga Gruschka und Karin Wedra.

Vom Zuhören zum freien Erzählen

Zuhören ist eine der grundlegenden Fähigkeiten, um Sprache zu erlernen. Sprache ist Voraussetzung, Lesen und Schreiben zu erlernen. Erst wenn wir sprechen, können wir das Lesen einüben und uns die Schrift aneignen. Somit ist das verstehende Zuhören die Grundlage für den gesamten Bildungsprozess. Mit dem Kamishibai erleichtern Sie Kindern das Zuhören. Viele Kinder sind heute perfekt seherfahren, aber weniger zuhörerfahren. Mit dem Erzähltheater holen wir sie dort ab, wo sie gerade stehen: mit einem Bild. Ins Bild gesetzte Geschichten gibt es z.B. als Märchen, Bildkarten zur Sozialkompetenz, Bibelgeschichten für den Religionsunterricht.

Im Kamishibai kann das Bild in Ruhe stehen, während die Lehrkraft dazu erzählt. Die Schüler können mit den Augen den Inhalt erfassen und erhalten dazu über das Gehör die weiteren, detaillierteren Informationen. Bild und Wort finden hier eine harmonische Einheit und die Informationen können über zwei Sinne aufgenommen werden. Besonders für Kinder, die die Sprache noch nicht beherrschen, ist das bildgestützte Erzählen eine große Erleichterung, denn durch die Bilder bekommt das Kind die Möglichkeit, auch bei weniger guten Sprachkenntnissen der Geschichte zu folgen. Meinen wir auf den ersten Blick, dass das Zuhören ein eher passiver Akt ist, geschieht doch viel. So kann sich die Vorstellungskraft und die Fantasie entwickeln, innere Bilder werden geformt, der Sprachschatz wird erweitert.

Vom aktiven Zuhören zum Sprechen im Dialog (1. und 2. Jahrgangsstufe)

Wenn wir das Erzähltheater verwenden, erzählen wir für und zugleich mit den Kindern. Die Lehrkraft leitet in die Geschichte ein, erzählt ein oder zwei Szenen anhand der Bilder und geht dann wieder in den Dialog mit den Schülern. Durch die immer wiederkehrenden Dialogeinschübe können Sie sicherstellen, dass die Kinder das Gesagte wirklich verstehen. Fordern Sie auch die Kinder auf, zu fragen, sollte etwas unklar sein. Die Schüler trainieren aktives Zuhören und erkennen selber, was sie verstanden haben und was nicht.

Vom Dialog zum freien Erzählen und szenischem Spiel (1. bis 4. Jahrgangsstufe)

In einem weiteren Schritt sollen die Kinder befähigt werden, eine vorgegebene Geschichte frei zu erzählen. Lassen Sie die Schüler zu den einzelnen Erzählabschnitten selbst die Bilder malen, so haben sie einen besseren Bezug zu der Geschichte und den einzelnen Szenen. Das Malen kann zusammen in der Klasse geschehen, als Hausaufgabe erfolgen oder z.B. zusammen mit der Kunstlehrkraft als Gemeinschaftsprojekt entstehen.

Wichtig ist, dass es für das Erzählen selbst nicht darauf ankommt, dass die Bilder besonders schön gemalt sind. Entscheidend ist, dass sich die Schüler merken können, was in den jeweiligen Szenen geschieht, die sie gemalt haben. Sammeln Sie die einzelnen Bilder ein und sortieren Sie sie der Reihenfolge nach und geben Sie sie in das Kamishibai. Die Kinder stehen in der Reihe, wie ihre Bilder kommen. Nach einem Eröffnungsritual tritt das erste Kind hervor und erzählt die erste Szene, die es gemalt hat. Ist es damit fertig, nimmt es das Bild und stellt es ins Kamishibai ganz hinten als letztes Bild in das Kartensetz hinein. Dann tritt der erste Schüler zurück und der zweite kommt hervor. Jedes Kind erzählt genau die Szene, die es gemalt hatte – nicht mehr und nicht weniger. Das gemeinsame Erzählen fördert Rücksichtnahme und Teamwork. Ermuntern Sie die Schüler frei zu erzählen. Das Bild ist ihre Gedächtnisstütze und alle helfen mit, sollten sie etwas vergessen. Es ist wie eine kleine Aufführung im geschützten Raum. Die Klassenkameraden sind bekannt. Jeder kommt an die Reihe.

Nun sind die Schüler mit der Geschichte und dem Kamishibai vertraut. Als nächstes können wir zum szenischen Spiel kommen. Sie benötigen dazu wieder Ihr Bildkartenset, das Kamishibai und genügend Platz für das Spiel. Überlegen Sie sich vorab, welche Figuren in der Geschichte vorkommen, die von den Kindern gespielt werden können. Natürlich gibt es hier die klassischen Figuren, um die es geht, wir können aber auch noch Pflanzen, Tiere und Gegenstände spielen lassen.

 

Texte planen und Geschichten erfinden mit dem Kamishibai (3. und 4. Jahrgangsstufe)

Sprachliche Bildung ist zentraler Auftrag des Bildungsauftrags der Grundschule. Der Deutschunterricht knüpft an das unterschiedliche kulturelle Vorwissen der Schüler und Schülerinnen an und bietet vielfältige Möglichkeiten, sowohl sachliches Vorwissen als auch Sprachfähigkeit zu erweitern. Eine Möglichkeit ist die gemeinsame Erstellung eines Textes, einer Geschichte und deren Gestaltung und Präsentation. Als Werkzeuge für die Planung und Präsentation einer Geschichte sind Geschichtenbaukasten und Kamishibai ein Traumpaar. Ziele sind neben einer Stärkung der Literarischen Kompetenz und Erzählkompetenz auch die Förderung der Sozialkompetenz.

Themen fächerübergreifend mit dem Kamishibai erarbeiten (4. Jahrgangsstufe)

Verbinden Sie die unterschiedlichen Fächer miteinander: im Sachunterricht Wissen über Menschen, Orte und Zeiten erarbeiten und vertiefen und daraus eine Mindmap erstellen. Aus dieser wird dann im Deutschunterricht z.B. eine Sage, ein Szenisches Spiel oder eine Geschichte entwickelt. Der fertige Text wird mündlich und bildgestützt mit dem Kamishibai erzählt, aufgeführt oder weiterentwickelt zu einem geschriebenen Text.

Sozialkompetenz einüben mit dem Kamishibai (2.-4. Jahrgangsstufe)

Bereits bei Geschichtenbau-Projekten und Gesprächsanlässen über und in Geschichten bieten sich Gelegenheiten, Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen: Das gemeinsame Geschichtenentwickeln und Präsentieren schult Sozialkompetenz, genauso wie das Sprechen über Figuren und deren Handlungsweisen. Speziell zum Thema Sozialkompetenz und Konfliktlösung in der Grundschule gibt es außerdem bereits fertige Fotokartensets für das Erzähltheater. Alltägliche Konflikte zwischen Schülern sind darin szenisch in Fotos dargestellt. Damit erkennen Schüler Problemsituationen, benennen sie und entwickeln im Unterricht Lösungsmöglichkeiten, die sie in realen Situationen unterstützen können.

Religionsunterricht – Ethikunterricht

Das Kamishibai kann im Religions- oder Ethikunterricht zu einem Highlight für die Kinder werden. Zelebrieren Sie seinen Einsatz als etwas ganz Besonderes und halten Sie an einem zauberhaften und gleichbleibenden Ein- und Ausgangsritual fest. Sie schaffen damit einen ganz speziellen Rahmen, einen geschützten Raum, in dem alle (auch Sie) in die Faszination der Geschichte eintauchen dürfen.

Helga Gruschka, ausgebildete Märchen- und Geschichtenerzählerin. In Kitas, Schulen, Bibliotheken und Krankenhäusern veranstaltet sie Geschichtenerfinder-Werkstätten und entwickelt dort zusammen mit den Kindern neue Geschichten. Sie gibt Fortbildungen für Erzieherinnen und Lehrkräfte zum Erzählenlernen. Ihr Kamishibai hat sie stets im Gepäck.

Karin Wedra, Germanistin und Erwachsenenbildnerin, Geschäftsführerin von „Die Sprechwerker“. Die Erzählschule in München bietet Weiterbildungen in der Erzählkunst und im Bereich Märchenpädagogik an.